Rezensiert: Wenn die Köksch zur Feder greift…

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Almi hat ein  Buch geschrieben. Almi, das ist Ute Alm-Linke, die sich auch gern „de Köksch ut Rosenow“ nennt. Soll heißen, die Ute ist Köchin und kocht in Rosenow. Das Dorf liegt etwas abseits inmitten der nordwest-mecklenburgischen Pampa zwischen Schwerin und Gadebusch. Aber über die B 104, kurz vor Lützow einmal kurz rechts abbiegen, recht gut zu erreichen. Ihr kochendes Domizil ist „De oll Dörpschaul“, ein Restaurant, das in das Ambiente einer alten Dorfschule gerückt wurde, die auch wirklich mal eine war.


Aufmerksam geworden bin ich auf die gute Ute, als sie sich noch mit NDR-Moderatorin Susanne Grön am Sonntagmorgen in „topfguckender“ kulinarischer Plauderei übte und mit manch interessanter Kochübung aufwartete. Da musste ich hin. Das habe ich ein paarmal getan und die Almi auch in meinen SVZ-Kolumnen „verbraten“. Die Pointen dafür waren schnell „gestrickt“ und in den kochenden Kontext gestellt.


Und nun hat sie, um auf das Anliegen dieses Beitrags zurückzukommen, ein Buch geschrieben. Es ist, auf dem Einband fast drohend vermerkt,  ihr Erstlingswerk und eigenem Bekunden zufolge ein „Küchenarbeitsbuch mit Unterhaltungswert“. Darüber wird noch zu sprechen sein.

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Im Klappentext auf der Rückseite jedenfalls geht es, rezensionstechnisch  nicht ganz ernstzunehmend, im Stil von „Dichtung & Wahrheit“ zu. Da wird  versprochen, dass das Buch in keine Schublade passt. Das stimmt schon mal nicht. Denn es passt in alle Schubladen meines Büros. Dass es einmalig ist, stimmt nun wieder. Denn ist ja das erste Buch der Köksch und wohl aus ihrer Tätigkeit als Kochschulmeisterin entstanden.


Mehr noch, Almi wird als Spitzenköchin gekürt. Nun ja, das ist trotz 13 Punkten Gault Millau für mich reine Ansichts- und Definitionssache. Außerdem ist das so wie mit dem inflationären Umgang von Worten wie „Star“ und „Gourmet“. Die einen sagen so, die anderen so. Für mich ist Ute Alm-Linke eine gestandene Köchin, die ihr Handwerk gelernt und etwas daraus gemacht hat. Eine spitze Zunge dagegen bescheinige ich ihr ohne Umschweife. Da nehmen wir uns wohl aber gegenseitig nichts.


Und vor allem, das unterstreiche ich dreimal, kocht sie „natürlich“ und mit dem jahreszeitlichen Lauf der Natur. Ganz in diesem Sinne baut sie auch ihr Buch auf. Für jeden Monat kleine Rezepte mit den natürlichen Gaben der jeweiligen Saison : Kohl, Kartoffeln, Gemüse, Obst, bis hin zu den berühmt-berüchtigten Steckrüben in mannigfaltigen Varianten.


Die Gerichte an sich, ich schreibe das mal so respektlos, sind „nix Dickes“. Aber sie zeugen von Geschmack und der Kombinationssicherheit der Köksch. Genau genommen, man wird mich deswegen sicher schelten, sind das größtenteils gar keine vollständigen Rezepte im klassischen Sinne. Obwohl die Köchin alles als vollwertige Gerichte versteht. Was auch nicht grundsätzlich falsch ist. Wenn man ein Vegetarier oder einfach Suppenkaspar  is(s)t. Wirklich bissfestes gibt’s höchstens in Form von Hähnchenfleisch.  


Soll auch heißen: Ich verstehe die Rezepte in weiten Teilen als Anregung für schmackhafte Beilagen von Fleischgerichten aller Couleur. Das ist in diesem Sinne auch das Potenzial für das Kochbuch Nr. 2 der Köksch ut Rosenow. Ich weiß aber auch, dass die Ute nicht unbedingt gern spezielle Rezepte rausrückt. Kulinarischer Datenschutz sozusagen.

Die Rezepte sind einfach aufgebaut und so kurz wie nötig gehalten. Man nehme… und mache… Das gefällt mir und wird auch dem Hobbykoch gefallen, der bisher mit dem Kochen nicht so viel am Hut hatte. Hier und da gibt’s auch praktische Tipps und Ratschläge, was man sinnigerweise tun oder lassen sollte.


Nun kann man sich trefflich darüber streiten, ob im Januar nur Rotkohl, im Februar nur Rosenkohl, oder im Oktober nur Kürbis aufgetischt werden kann und darf. Aber ich weiß schon, was die Köksch damit sagen und beweisen möchte: Geschmacklich-kombinatorische Kreativität ist Trumpf. Und es gefällt mir außerordentlich, mit welchen Ideen und kühnem Handschwung sie diesbezüglich in ihre Töpfe und Pfannen zaubert. So stellt sie beispielsweise eine verlockende Liaison von Rote-Bete-Carpaccio und Rotkohl-Tatar her, kombiniert mit Hüttenkäse und zaubert sogar eine Praline aus Rotkohl. Donnerlippchen: Das macht was her, damit kann man bei jeder Party angeben.


Ganz diesem, dem „Bettelstudenten“ nachempfundenen, Motto „Kartoffeln mit Kohl, Kohl mit Kartoffeln, oder beides gemischt“ verdonnert die Almi auch Topinambur, Spargel, Erdbeeren, Gurken und Fenchel zu gaumenkitzelnden Köstlichkeiten, die nach dem Leitspruch „In der größten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot“ gar köstlich munden.


Ich habe einiges davon probiert und bin beispielsweise des Lobes voll vom Rosenowschen Fenchelpfannkuchen oder dem Carpaccio von Sellerie und Blauer Anneliese mit einem pikanten Nussdressing. Die Anneliese ist übrigens keine besoffene Köchin, sondern eine Kartoffelsorte mit blauer Färbung.  Wer weiß, vielleicht hatte die auch einen intus…


Nun ist aber Zeit, auch auf einen erzählenden Begleitumstand des Büchleins hinzuweisen. Denn die im Vogtland geborene pfiffige Köksch hat das Ganze in Form einer kulinarischen Plauderei aufgebaut. Sie parliert mit einem fiktiven Bücherwurm, der den Namen „Näswies“ verpasst bekommen hat. Wo der Wurm herkommt, erfährt man im Buch selbst nicht.

Die Köksch stellt im zweiten Absatz ihres vorwortfreien Werkes einfach die Frage: „Ob ich wohl die Rezepte nach den Monaten sortiere?“ Und wie von Geisterhand geschaffen, antwortet jemand: „He Ute! Das ist gute Idee!“ Sie antwortet spontan wissend: „Danke, schlauer Bücherwurm… schön, dass Du mit dabei bist!“


Nun geht es richtig zur Sache. Die beiden übertrumpfen sich gegenseitig in mehr oder weniger erhellenden, aber durchaus auch simpel-sympathischen Erkenntnissen. Spätestens aber als der Bücherwurm vom hochdeutschen Naseweis zum  plattdeutschen Näswies mutiert, ahne ich, wer der guten Ute ihr fachsimpelnder Sekundant ist, sein könnte. Den Vornamen hat sie schließlich nicht genannt. Beide parlieren im Folgenden wortreich über natürliche Ernährung und deren gesundheitsfördernder Wirkung, geben nahezu wissenschaftliche lebensmitteltechnische Statements ab und werfen sich die damit verbundenen möglichen und unmöglichen Pointen förmlich zu.


Das klingt zwar manchmal konstruiert und sprachlich etwas gestelzt, verleiht dem Buch aber auch eine persönliche Note. Naseweise Almi eben. Diese Beschreibung wird für mich nur dadurch etwas unlogisch, wenn plötzlich sozusagen aus heiterem Himmel der Leser und Hobbykoch in spe „persönlich“ angesprochen und so der Dialog von Köchin und Wurm irgendwie unterbrochen wird. Macht nichts. Ist ja ein Erstlingswerk.


An dieser Stelle sei auch die Aufmachung des im Tennemann Verlag Schwerin erschienenen Buchs  betrachtet. Es ist ein handliches, in jede Schublade und auf jeden Küchentisch passendes Kochbuch mit praktischer Ringbindung und einigermaßen wischfestem Papier. Soll heißen, es ist in der Küche gut einsetzbar und löst sich nicht nach dem ersten Kleckern in unlesbares Nichtgefallen auf. Außerdem ist Platz für eigene Notizen, was den praktischen Gebrauchswert erhöht und so das Buch für die historisch-küchentechnische Sammlung wertvoll macht und den Nachfahren übereignet werden kann. Die Illustrationen sind ebenso sparsam wie sorgsam ausgewählt und attraktiv in den Text integriert. Jeder Monat hat seine eigene Farbe und (s)ein  fototechnisches Entrée. Das macht was her. Gefällt mir sehr gut.

Im Detail hat das Kochbuch kleine „Macken“, die u.a. in der im Detail fehlenden durchgehend schlüssigen „Schreibe“ der Plauderei mit dem Naseweis sowie der korrekten Schreibweise von Worten und Begriffen bestehen. Letztere hätte ein aufmerksamer Lektor erkennen und tilgen können/müssen. Wohl wissend, dass niemand perfekt is(s)t. Dem Informationsgehalt des Buches keinen Abbruch tut auch die Tatsache, dass der schwergewichtige und essens-affine Leif Tennemann die letzten Seiten zum Trommeln für seinen Verlag genutzt hat. Ich habe einiges gefunden, was mir gut gefällt.


Zum Glück und zu meiner Freude hat die Köksch, wohl aus gutem Grund, auf die massenhafte Ansammlung plattdeutscher Begriffe verzichtet. In dieser Beziehung hat sie mitunter einen allzu naseweisen Berater. Schön auch, dass sie ihr ausgeprägtes Faible für das Trommeln in Sachen „Bio“ vermieden hat. Das zumindest wäre dann doch etwas zu dick aufgetragen.


Mein Fazit: Ein launiges, geschmackvolles Buch, das man auch bedenkenlos verschenken kann. Und wer dann wissen möchte, wie die Almi, die Ute, oder die Köksch die Rezepte mit Bissfestem wie Wurst und Fleisch kombiniert, darf sich getrost auf den Weg in „de oll Dörpschaul“ machen. Dort treffen Sie vielleicht sogar den schlauen Naseweis...

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