Seiten-Blicke: Die Köksch mit dem Bio-Tick

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Geschmackvoll: Alles Bio, oder was...

Bei dem Wort Bio dachte ich meist spontan an Alfred Biolek, dessen gescheite Art des Entertainments mich immer sehr beeindruckt hat. Er war und ist für mich Synonym für exzellente Rhetorik, Mutterwitz, Lebenslust und, nicht zu vergessen, Geschmack im vielseitigsten Sinne des Wortes. Natürlich weiß ich auch, dass Bio heutzutage eine weitere Bedeutung hat, was die gesunde Ernährung betrifft. Diesbezüglich habe ich oft die Augenbrauen hochgezogen: Bio hatte für mich immer das Geschmäckle von überteuerter Ware mit reichlich PR-Brimborium. Aber man(n) kann ja schließlich auch umdenken. Spätestens seit ich Ute Alm-Linke kenne, kann ich "diesem" Bio auch etwas Vernünftiges abringen. Denn es geht hier um Produkte, die nach strengen Maßstäben angebaut und produziert werden. Da kommt eben keine Chemie zur Anwendung, werden die Hühner nicht im Schnelldurchlauf verbraucht und die Schweine nicht künstlich fett, besser: mager, gefüttert. Dass sich auch konventionelle Aufzucht und Produktion im Detail nicht schlechter präsentiert, ist eine ganz andere Sache. Ich sag mal so, wenn alle verantwortungsbewusst produzierten, wäre, doch alles Bio, oder...

Rosenow bei Lützow. Was macht eine Frau, die im Vogtland geboren wurde und nach eigenen Angaben mit 13 Jahren nach Mecklenburg "verschleppt" wurde? Ganz einfach, sie wird Köchin und heimst dafür von den Männern Komplimente ein, die bis zu der Aussage reichen, sie glatt heiraten zu wollen. Ute Alm-Linke lacht und meint: "Erstens ist es dafür längst zu spät,. und zweitens möchte ich nicht geheiratet werden, weil ich passabel kochen kann." Drittens, fügt sie schmunzelnd hinzu, sucht sie sich ihren Mann immer noch selber aus.

Ihr Reich der Küche ist seit über 20 Jahren in Rosenow, ein kleiner Ort bei Lützow in Westmecklenburg. Ausgerechnet in einer alten Dorfschule (Dörpschaul) haben sie und ihr Mann es sich mit viel Liebe zum Detail gastlich eingerichtet. Sie ist also neben der Köksch auch eine Art kulinarische Dorfschullehrerin. Und ein Blick auf die Internet-Seite und ins Innere des Restaurants zeigt dem interessierten Betrachter: Bei der aufgeweckten Mittvierzigerin ist alles Bio.

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Na ja, denke ich, wieder mal so eine, die auf den PR-Zug der Zeit aufgesprungen ist. Und merke ganz schnell, die Frau is(s)t und lebt Bio. Das ringt Respekt ab. Alm-Linke: "Bio ist mehr als ein PR-Gag. Für mich gehören da Klarheit, Ehrlichkeit und Wissen um die Herkunft der unbedingt dazu. Ebenso wichtig ist für mich, dass man die Natur achtet und respektiert, da wir leben von und mit ihr." Leider finden die Menschen, seufzt die Köchin, oft viel zu spät zum gesunden Essen. Das besteht aber für sie nicht darin, Körner zu essen, oder auf Geschmack zu verzichten.

Für Sie heißt das, dass auf den Tisch ihres Hauses natürlich auch Fleisch kommt. Aber eben bio-zertifiziertes, gut marmorierter Fleisch von Erzeugern, die sie alle persönlich kennt. Und mit Blüten und Kräutern zaubert sie köstliche Gerichte, bei denen das Auge im besten Sinne des Wortes mitisst. Ich weiß, wovon ich spreche. Das Kachelfleisch auf einem Blüten- und Kräuterbett mit Kartoffelspalten und einem pikanten Dip war ein kulinarisches Gedicht. Echt, das schmeckt gar nicht Bio. Das schmeckt einfach super. Und das das macht wohl Bio auch aus.

Für Ute Alm-Linke ist der wichtigste Bio-Faktor die Regionalität: "Spargel frisch gestochen aus der Mecklenburger Erde, Tomaten vom Bio-Gärtner aus Parum oder Medewege, ein Stück Kalb, das über die Mecklenburger Wiesen gelaufen ist und dabei die frischen Gräser rupfte, bereiten eine große Gaumenfreude. Und wenn man es dann noch versteht, das alles noch trefflich zu verarbeiten, dann passt das eben. Die Leute fragen inzwischen auch immer weniger, ob sie hier Körner essen müssen. mein Angebot hat sich herumgesprochen", lacht sie.

Was treibt die Frau als Bio-Köksch und -Lehrerin in der Dörpschaul, ihre Philosophie unter die Leute zu bringen? Auch diesbezüglich ist sie nicht aus der Ruhe zu bringen und bleibt keine Antwort schuldig: "Ich möchte die Menschen ermuntern, wieder selbst zu kochen. Ich möchte ihnen zeigen, wie einfach es ist, aus der Region zu schöpfen, wie abwechslungsreich, geschmackvoll und schnell zubereitet gesundes Essen sein kann. Ganz wichtig ist es mir auch, die Freude am Kochen weiterzugeben und Eltern zu ermuntern, mit den Kindern zu kochen. Und nicht zuletzt möchte ich den Menschen zeigen das,  unsere Heimat mehr als Kloppschinken, gefüllten Rippenbraten und Rotkohl zu bieten hat."

Rrrums, das hat gesessen. Ich spüre aber spontan, dass die kleine Frau recht hat. Und der Bio-Tick, der eigentlich gar keiner ist, macht sie erst recht sympathisch. Und wenn man in den Genuss ihrer kulinarischen Kreationen kommt, spielt Bio sowieso keine Rolle mehr. Denn, ich wiederhole mich, es schmeckt einfach köstlich. Nicht mehr, nicht weniger.

Diese Kolumne und dieser Beitrag erschienen im Rahmen der Seite
"Kochen & genießen" in der Schweriner Volkszeitung vom 15. Juli 2014.

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