Rezensiert: Einfach Grillen war gestern…

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Vorsicht, wenn der Rummel auftaucht:

Der Sommer neigt sich dem Ende entgegen. Die Grillsaison aber hält an. Denn das "Zeug" auf den Blechmonstern aller Couleur schmeckt von A wie Januar bis Z wie Dezember köstlich. Und ich gebe zu, ich bin ein Jünger des Grillens. Und ich habe mich, jahrzehntelang in Thüringen ansässig, als Meister dieser schwarz-heißen Kunst verstanden. Sie wissen schon: Original Thüringer Rostbratwurst und Thüringer Rostbrätel - die Klassiker des kulinarischen Freiluftsommers... Nun sitze ich da mit hängenden Ohren und Tränen in den Augen. Denn Grillen war gestern, meine diesbezüglichen Fähigkeiten schwanden wie ein verdampfender Fettspritzer auf dem Grill.

Schuld daran ist ein Buch, das nun schon seit längerer Zeit auf meinem Schreibtisch liegt und endlich der Manöverkritik harrt. "Die Hohe Schule des Grillens" heißt der mit über 200 Seiten ausgestattete und reich bebilderte Wälzer. Autor dieses für mich niederschmetternden Grill-Kompendiums ist Andreas Rummel, ein waschechter Ossi aus dem Harz, der längst in allen deutschen Landen und weit darüber hinaus als Grill-Papst bekannt ist. "Wat für ne fiese Möpp" habe ich angesichts seines von Food-Experten wie Ralf Boos und Ernährungsangeber wie Thomas Vilgis sekundierten Buches gedacht. Das Trio schmettert mein grillendes Selbstvertrauen in den Erdboden und outet mich als blutigen Anfänger der Materie. Von Ossi-Solidarität keine Rede. Ich bin erledigt, stehe aber, dafür bin ich bekannt, schnell wieder auf...

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Zurück zum Objekt der Kritik. Die drei Herren vom Grill fackeln darin ein wahres Feuerwerk an Fachwissen und kulinarischen Köstlichkeiten ab. Allein der theoretische Teil lässt einem ambitionierten Griller oft buchstäblich den Atem stocken. Die reicht von Abhandlungen zur Holzkohle über den Grillkauf und dessen Reinigung bis hin zu direktem oder indirektem Grillen und Smoken mit dem Räucherbeutel. Welches Schwein, sorry: welcher Griller, macht sich schon Gedanken darüber, wie man grillt. Rauf auf den Grill mit der (zerlegten) Sau und dann Feuer frei, bis alles nach eigenem Gutdünken gar ist. Wieder ein Fall von Denkste. Oh Max, was bist du für eine wissensarme Grill-Sau.

Na warte, Rummel, das kriegst'e irgendwann wieder, denn Max ist lernfähig und kann sowohl lesen wie ausprobieren. Erste Erkenntnis ist für mich schon mal: nie wieder Fleisch widerwärtig marinieren. Und nieder mit den unsäglichen diesbezüglichen Angeboten im Handel. Das gilt auch für das dezente Würzen der Fleischstücke auf dem Grill und dem bewussten Umgang mit der Hitze darunter.

Selbst Grill-Depp Max hat, zugegeben dank den drei Grill-Angebern, schnell herausgefunden, dass indirekte Hitze dem Fleisch wirklich förderlich ist. Die lebensmitteltechnischen Weisheiten des Thomas Vilgis lasse ich dabei mal außen vor. Sympathischer Klugscheißer übrigens, der zu allen chemischen Reaktionen einen Kommentar parat hat. Eigentlich wollte ich ja essen und nicht chemisch-physikalisch philosophieren...


Und auch gewürzt wird bei mir künftig weitgehend erst nach dem Grillen. Das hat was, haben meine Familie und Nachbarn inzwischen schon kennengelernt.

Das Buch, oft Lektüre vor dem Einschlafen, ist in dieser in und vieler anderer Hinsicht wahrlich eine Grillbibel. Mir fehlt höchstens ein etwas sachterer Einstieg für die, welche sich noch vor dem Schock-Urknall des Andreas Rummel an den Grill wagen wollen. Aber so ist das mit den Experten: Die schweben in anderen Sphären und kriegen in der Natur kein Streichholz unter ein Kieneappel...

Echt von den kulinarischen Socken gehauen haben mich dann aber die 1001 (können auch ein paar weniger sein) Grillrezepte, die das Buch bietet. Mann oh Mann, wie sehr muss man einen an der kulinarischen Klatsche haben, um auf solche exzellenten Ideen zu kommen. In diesem Sinne ist der Rummel wohl ein leibhaftiges Grill-Universum, das man nie ganz ergründen wird. Klar, auch der grillt nur mit Hitze und banalen Zutaten wie Schwein, Rind, Lamm, Wild und Geflügel. Auch Fisch und Meeresfrüchte sind ja nun nichts mehr Außerirdisches. Der Grill nimmt alles auf. Nur, ob man es dann auch essen kann...

"Mon dieu", der Rummel ist auch diesbezüglich ein kulinarischer Gott (oder vielleicht sein Stellvertreter). Was  der im Rezeptteil neben wissenswerten Details kombiniert und auftischt, verschlägt mir oft die Srache. Andreas Rummel-Grill-Star kombiniert Fleisch mit raffinierten Kräutern und Gewürzen, zelebriert einen Schweinenacken mit Grillgemüse ebenso wie deftige Rippen und Kachelfleisch mit Erbsensuppe und Speckchips. Da verzeihe ich ihm sogar, dass er Thüringer Rostbratwurst auf Toast-Canneloni kreiert. Über solche geschmackvollen  Sünden sollten wir mal in einer stillen Stunde bei einem Glas Bier oder gutem Wein fachsimpeln.

Es gibt schließlich eherne Grenzen, die überschreitet ein echter Griller nicht, Herr Rummel. Smiley. Ich hab' dich auch lieb...


Großes Grill-Kino ist auch die Verarbeitung verschiedenster Fleischsorten auf mehr oder weniger exotische Art. Wenn der Maitre etwa Steakhüfte mit tollen Kräutern und Gewürzen sowie Gorgonzola in Liaison bringt, dann schlägt mein feuriges kulinarisches Herz höher. Und seine Wildvariationen verraten mir, allein diese Rezeptideen reichen für mehrere Jahre Grillen und bieten immer wieder Ansatz zu neuen Kreationen. Dass nicht alles, etwa da Geflügel, zu hundert Prozent meinem Gusto entspricht, liegt sowohl in der Frage des Geschmacks als auch in der Tatsache, dass ich etwas zu meckern haben muss. Nun habe ich es dem allgewaltigen Grill-Philosophen aber gegeben... Schmunzel...

Dafür treiben mir die Meeresfrüchte-Kompositionen die Lust-Tränen in die Augen. Jakobsmuscheln, Austern, Fisch in großer Vielfalt auf dem Grill, bisher für mich unvorstellbar. Der Rummel macht's möglich. Dass er zum Schluss auch ein wenig Werbung macht, sei ihm verziehen. Das gehört schließlich zum Handwerk.

Mein Resümee: Ein exzellentes Kompendium vom Christian Verlag rund um das Grillen. Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Die Kapitel sollte man wissbegierig aufnehmen, aber nicht gierig verschlingen. Denn gerade Grillen braucht seine Zeit. Und die Rezepte einigermaßen Übung und Fingerspitzengefühl. Chapeau - Hut ab vor dem Meister, der zudem noch ein sehr sympathischer Zeitgenosse ist.

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