Rezensiert: Sieben Tage, hundert Rezepte – Eine Prise Sylt

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Auf meinem Schreibtisch liegt eine Prise Sylt, 1563 Gramm schwer. Wer nun denkt, ich hätte bei meinem jüngsten Aufenthalt auf der Insel ein Säckchen Seesand mit nach Mecklenburg genommen, der irrt. "Eine Prise Sylt", das ist ein Kochbuch von Holger Bodendorf*, der mit seiner Frau auf Sylt das Landhaus Stricker betreibt. Der Sternekoch* lädt auf diese Weise gleichermaßen zu einer Reise nach Sylt und in sein Fünf-Sterne-Superior-Hotel ein und gibt auf seine Weise eine wahre Liebeserklärung an die berühmte Nordsee-Insel und ihre kulinarischen Genüsse ab.

Allein die Idee, seine Koch-Philosophie im Rahmen einer siebentägigen Entdeckungsreise durch "seine Sylter Welt" zu verpacken, macht den besonderen Reiz dieses exzellent bebilderten Buches aus. Bodendorf, sekundiert durch einen einfühlsamen Texter,  versteht es gar trefflich, seine Gefühle für seine Heimat auszudrücken. Man glaubt ihm angesichts der sparsamen Texte zur Insel auf's Wort, dass für ihn Sylt jenes Gefühl ist, "das Erinnerung mit Sehnsucht vermischt: eine unausweichliche emotionale Symbiose mit geradezu magischer Anziehungskraft, die Sylt für immer unwiderstehlich macht..."

Er beschreibt sein Haus mit einer fast demütigen Bescheidenheit auf gerade einmal einer Seite, ohne jedoch darauf zu verzichten, seinen Anspruch an gehobene Gastlichkeit zu vermitteln. Er stimmt auf jeden der sieben Sylt-Tage in nur wenigen Sätzen ein und vergisst nie, den Bogen von der Natur über das Haus bis zum unverwechselbaren Genuss in seinen Restaurants zu ziehen.

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Und Bodendorf ist natürlich auch ein "Typ" im besten Sinne des Wortes. Er ist fotogen, das weiß er offensichtlich, und lässt sich von den professionellen Fotografen recht gut arrangiert ablichten. Im Detail durchaus auch mit einem Augenzwinkern und sich beispielsweise nicht davor scheuend, einen ganzen Fisch in einem Brötchen mit skeptischem Blick zu beäugen. Andererseits räumt er auch seiner "Mannschaft" den gebührenden Raum ein und tritt sogar aus dem Bild, wenn es gilt, die Macher im Hotel sehr individuell zu zeigen. Das ist ein weiterer Sympathiepunkt, den sich Bodendorf an's Revers heften kann.

Der Schwerpunkt des Buches aber liegt, wie könnte es anders sein, in der breiten geschmacklichen Palette seiner Rezepte. Er beschreibt seine Küche bescheiden, aber überzeugt als "Vitalküche". Was wohl nicht mehr und nicht weniger heißen soll, dass im Landhaus Stricker aus frischen Zutaten gekocht wird, die nicht zu stark bearbeitet werden, so dass die Vitalstoffe weitgehend erhalten bleiben und eine ausgewogene Mischung aus Fett, Eiweiß und Kohlehydraten auf den Tisch kommt.

Und mehr noch, Holger Bodendorf erweist sich als ein grandioser Komponist und Arrangeur seiner Gerichte mit Kräutern aller Couleur. Die stehen, sagt er, im Mittelpunkt seiner Gerichte, ohne sie zu dominieren. Ich bin beeindruckt, wie er mit Rosmarin, Thymian, Basilikum & Co. nahezu spielerisch verliebt umgeht und doch genau weiß, welche Rolle sie im kulinarischen Potpourri spielen. Geschmacklich, versteht sich, aber auch für den Augenschmaus.

Schon ein Blick in das gut strukturierte Register des Buches lässt auf kulinarischen Hochgenuss schließen. Bodendorf bietet in der Vielfalt alles auf, was einen Gaumenschmaus auf höchstem Niveau ausmacht: Amuses Gueules, Vorspeisen und Zwischengänge, Hauptgänge und natürlich auch Desserts. Darüber hinaus kreiert er schmackhafte Wraps, deftige Frühstückskost sowie viele Ideen für ein zünftiges Insel-Picknick, für sogenannte Sundowners (aber in handfester delikater statt im ursprünglichen Sinne in flüssiger Form) und Snacks. Auch an die Kids ist gedacht, die auf diese Weise im besten Sinne des Wortes auf den guten Geschmack gebracht werden sollen.

Die Rezepte, die der Maestro sorgfältig aus seinem kulinarischen Repertoire ausgewählt hat, sind sozusagen "Best 100 of Bodendorf". Sie sind hinsichtlich der Zutaten und ihrer Verarbeitung sehr präzise und gut verständlich beschrieben. Das reicht bis zur knappen aber ausreichend ausführlichen Beschreibung des Anrichtens. Das macht es leicht, den Zubereitungsprozess zu überblicken und sich schrittweise an das eine oder andere Gericht heranzuwagen.

Bevor man das als ambitionierter Hobbykoch in die Tat umsetzen möchte, muss man freilich einige Grundbegriffe kennen, die Bodendorf wie selbstverständlich verwendet. Kein Wunder, er ist der Macher, die Leser die Mitmacher. Also muss man beispielsweise wissen, das "parieren" mehr als nur landläufig "befolgen", ein Kaisergranat kein explosives Geschoss, Kuvertüre kein Musikstück und Chorizo kein neuer spanischer Tanz ist. Zugegeben, diese Auslegungen kann man im Rahmen eines Kochbuches auch nicht unbedingt erwarten, aber im Detail hilft schon ein Klick ins Internet, um zu wissen, was auf den Tisch kommen und wie verarbeitet werden soll.

Bodendorf verwendet für seine durchweg anspruchsvollen Gerichte dankenswerterweise meistenteils Zutaten, die auch in deutschen Landen zu kaufen sind. Trotzdem gibt's einige davon wohl nicht in jedem Dorfladen zu erstehen. Man muss sich demzufolge schon einen genauen Plan machen, wenn man Rochenflügel nach "Grenobler Art" zubereiten möchte, oder Lust auf Pulpo mit Iberico-Bäckchen hat. Auch diverses Gemüse und die obligatorischen Kräuter sind nicht nur Allerwelts-Zutaten, die der Koch auf den Zettel bringt.

Dagegen sind Gerichte wie sein "Chili con carne" eher die von der leichteren Sorte, aber nicht minder anspruchsvoll. Abseits aller Vorstellungen von dem herkömmlichen Gericht, zelebriert Bodendorf auch hier ein Feuerwerk des Geschmacks und ein deftiger Mix aus Fleisch, Gemüse, Gewürzen und vielen scharfen Dingen, die ein Chili ausmachen.

Und hier enttäuscht er den Leser und Hobbykoch bei seinen Gelüsten nach dieser deftigen Mahlzeit, denn er empfiehlt, das Ganze erst einen Tag ziehen zu lassen. Da muss der Appetit also warten. Vorfreude auf Genuss soll ja auch etwas Schönes sein.


Mein (vorläufiges) Fazit: Dieses sehr persönlich gehaltene Koch/-Rezeptbuch ist das beste, was ich in dieser Machart bisher erleben durfte. Es hat mir einen wunderbaren Samstagabend bei einem Glas guten Weins beschert. Ich habe es, das Buch, buchstäblich in einem Zug genossen und werde es noch lange genießen.

Bodendorf wartet mit einer faszinierenden Kreativität auf, die schon beim Lesen begeistert. Er versteht es, den Leser mit seinen kulinarischen Verführungen und seiner Art, Sylt schmackhaft zu machen, in seinen Bann zu ziehen. Ich werde mich mit Sicherheit an einige der Gerichte wagen und die im Freundes- und Familienkreis als Kostproben anbieten. Sicher bekomme ich auch meine Frau dazu, dass wir einmal gemeinsam a la Bodendorf kochen. Lust auf Sylt habe ich ihr jedenfalls schon gemacht.

Im Gespräch hat mir Holger Bodendorf verraten, dass sei sein erstes und wohl auch einziges Kochbuch. Es bleibt zu wünschen, dass ihm die Lust auf solche Abenteuer wiederkommt. Denn dann würde er seinen eigenen Worten gerecht werden, in dem er im Buch sagt "Sylt bleibt nie eine Episode". Chapeau, lieber Holger Bodendorf. Du hast mir Lust auf Meer gemacht, meinen Genuss-Sinn geschärft und ihm ganz neue Akzente gesetzt.

Zusatz: Glückwunsch auch den Gestaltern dieses wunderbaren Buches von der renommierten Collection Rolf Heyne, sowie den Fotografen, die alles in wundervoller Weise in Szene gesetzt haben.

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