Kommentiert: Alles schreit Hurra, das Internet ist da…

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Zum Sinn in Unsinn virtueller Diskussionen im Allgemeinen und Speziellen

Social Media ist „in“. Wer etwas auf sich hält, parliert auf Facebook, Twitter & Co. „auf Teufel komm raus.“ So richtige Diskussionen zu einzelnen Themen kommen aber meist nicht zustande. Das Problem liegt wohl vor allem im technischen Detail: Einer postet, veröffentlicht, einen Beitrag, oft mit einem externen Link versehen.  Der nächste „liked“ das Ganze per Mausklick. Soll heißen, das Thema gefällt ihm. Es sei denn, man wählt ein anderes Symbol für seinen themenbezogenen Gefühlszustand.


Dritte wieder geben mehr oder weniger sinnige, oft substanzlose Kommentare oder fangen an, missliebige Kommentare anzugreifen. Das Thema selbst gerät in den Hintergrund bis zum Gnadenstoß des Vergessens. Wieder andere teilen einen Beitrag, in dem sie das an andere Profile oder Gruppen weiterleiten. Meist ohne jeden Kommentar zur Sache, so dass man raten muss, ob der „Teiler“ den virtuellen Daumen nach oben  oder unten richtet.  

Das ist manchmal sogar gewollt, weil man dann genüsslich und unschuldig im Hintergrund lauern und sich als virtueller Heckenschütze beweisen kann, wenn ein ausufernder Shitstorm aufkommt. Nicht selten kommt es auch vor, dass sich ein Benutzer dazu hergibt, für eine virtuelle Entourage aus seinem Umfeld Nebelkerzen zu zünden. „Nachtigall, ick hör dir trapsen“, würde der Berliner sagen.


Mit themenbezogener, konstruktiver Diskussion hat das gar nichts zu tun. Vielmehr arten solche Dinge oft in virtuelle Scheingefechte aus, die sogar zu rechtlich relevanten zwischenmenschlichen  Problemen führen können, wie ich am eigenen Leib zu spüren bekam und übel verleumdet und beleidigt wurde.


Das war der allgemeine Teil, dieses Kommentars. Wie heißt es so schön: Spaß beiseite, Koch komm her…

Solche Dinge sind nämlich auch und gerade im kulinarischen Umfeld keine Seltenheit. Oft sind es nur Fotos, die zur Schau gestellt und auf einer Skala von sinnig bist einfältig „kommentiert“ werden. Nirgendwo taucht „lecker“, mein Unwort des Jahrtausends, öfter auf als unter solchen Fotos. Vor allem erlebt man in diesem Umfeld auch geballte Arroganz von Köchen, die sich als kulinarische Überflieger wähnen, aber im besten Fall nur Sternschnuppen in virtuellen Küchen sind.


Diejenigen, die wirklich etwas können, beweisen in diesen Fällen Stil und überzeugen mit eher bescheidener Zurückhaltung und fachlicher Kompetenz, aber nicht mit flotten Sprüchen à la „Köche sind die Härtesten“.  Und dieser Spruch ist eher einer von den harmlosen seiner Gattung.


Wenn wirklich einmal Themen auf’s Tablett kommen, die für die kochende Zunft und ihr Umfeld interessant sind, entsteht auch dann keine wirkliche Diskussion, sondern höchstens virtuelles Wortgeplänkel, das sich in -zig Gesprächsfaden teilt und schließlich im virtuellen Nirwana verliert. Das gilt sogar für die teils hochtrabenden Beiträge von kulinarischen Möchtergern-Päpsten, die sich allwissend wähnen und das kulinarische Rad neu erfinden wollen.

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Gegenwärtig geistert, neben anderen Veröffentlichungen, ein Beitrag von Christoph Teuner durch die sozialen Medien und wird angeblich „heiß diskutiert“. Tut mir leid, aber eine richtige Diskussion kann ich auch dazu nicht erkennen. Zwar melden sich anerkannte Spitzenköche wie Eckart Witzigmann, Christian Bau, Franz Keller oder Rainer Wolter zu Wort. Konzertiert zusammengefasst ist das jedoch nirgendwo dargestellt, schläft demzufolge diskursiv meist ein.


In dem genannten Artikel im „Falstaff“ geht der Autor ganz schön zur Sache und versucht aufzuzeigen, wie er als „ein leidenschaftlicher Esser von der Spitzenküche genug bekam“. Er polemisiert gegen „Turbo-Kulinarismus, Verzichtsdekadenz, Biomöhren-Missionare und die nervtötende Überhöhung von Essen.“


Ich kann seine Wahrnehmungen durchaus teilen und bin ja auch selbst einer, der mit Worten tüchtig austeilen kann. Teuner wettert gegen artifiziellen Überfluss ebenso wie gegen den Mangel an ausreichend Geschmack auf dem Teller, der die Nuancen gar nicht auskosten lässt. Ob er allerdings mit der These recht hat, dass man sich in einem teuren Restaurant nicht auch gesund ernähren kann, wage ich zu bezweifeln.


Dazu fällt mir der Spruch von Franz Keller ein „Vom Einfachen das Beste“. Wer, wenn nicht die Spitzenköche, kann denn eben gerade das meisterhaft umsetzen?! Und dass zu einem wirklich guten Essen auch ein Quäntchen geschmacklich-kombinatorische Völlerei gehört, sehe ich nicht als Mangel an. Der liegt für mich schon  eher an den von Christoph Teuner als „Kunst-Schwurblern“ bezeichneten handelnden Personen, die dem Gast letztlich den Genuss verderben können.

Und ich bin auch gegen den kulinarischen Wichtigkeitskult und die teilweise Überheblichkeit von Küchenchefs, die mit vollen Häusern prahlen und dafür Heerscharen von PR-Fuzzis beschäftigen und ein erkleckliches Salär dafür über den Tisch schieben müssen. Wenn ich beispielsweise sehe, wie ein Daniel Schmidthaler in Fürstenhagen über Jahre in der finstersten Provinz Mecklenburgs eine der angesagtesten Küchen  des Landes mit einer faszinierend-bodenständigen Kreativität bietet, dann frage ich mich schon, warum er gegenüber pinzetten-operierenden Spitzenköchen vergleichsweise bescheiden bewertet wird.


Da stimmt doch auch das bewertende Gefüge bei den Restaurant-Führern längst nicht mehr.  Daran würde auch das 10-Punkte-System eines Jürgen Dollase nichts ändern, das ich in meinen Kommentar „Für und wider den Kritiker-Papst“ noch ergänzend bewertend einarbeiten werde. Denn, im Gegenteil, die Proportionen würden sich mit einem solchen System noch mehr in Richtung Subjektivität verschoben, meine ich.

Auch in Sachen Trends vermag ich dem Autor zu folgen. Mir sind, um es salopp zu sagen, kulinarische Trends „scheißegal“. Soll heißen: Ich wünsche mir auf dem Teller eher unprätentiös angerichteten  Genuss mit einem guten Schuss Bodenständigkeit und geschmacklich-kombinatorischer Raffinesse.  


Auf vermeintliche Nobelzutaten kann ich diesbezüglich in der Regel verzichten, denn auch die Natur in deutschen Landen hat, bei artgerechter Aufzucht und Produktion, viel zu bieten. Deswegen plädiere ich jedoch keineswegs per se gegen Foie gras, Hummer, Austern & Co., Trüffel und andere Spezialitäten.


Für mich zählt jedoch geschmacksbildendes Maßhalten mehr als buntes Tellerwirrwarr, bei dem man die Komponenten weder erkennen noch in ihrer Gesamtheit halbwegs herausschmecken kann.  Auch die Hochkant-Möhren und stylisch-bunten Geschmacks-Creme-Punkte sind mir eher suspekt. Handschrift zählt, nicht kulinarisches Architektur-Studium.

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Mein Fazit: Auch ich werde, wie Christoph Teuner, künftig wie gewohnt entspannt essen gehen. Ob das stets konservativ und üppig sein muss, sei einmal dahingestellt und ist meinem aktuellen Appetit und meiner kulinarischen Neugier geschuldet. Außerdem informiere ich mich ja über die kulinarischen Kandidaten vorher recht ausführlich und bleibe immer schön neugierig...


Ein wenig Avantgarde darf es ab und an auch mal sein. Dass ich allerdings bei einem Menü deutlich Ü100 auch satt werden möchte, versteht sich von selbst. Diesbezüglich werde ich auf diesem Portal noch manchen Geheimtipp „verraten“. Versprochen.


Um auf den virtuellen Ausgangspunkt zurückzukommen: Ich werde auch weiterhin auf Facebook & Co. meine Meinung deutlich artikulieren. Ob das jedem passt, ist mir zwar nicht "scheißegal", aber zumindest werde ich mit meiner Überzeugung nicht hinter dem Berg halten.


Übrigens: Jürgen Dollase hat inzwischen dem Teuner mächtig Paroli geboten und einen aus meiner Sicht wenig stilvollen Beitrag dazu veröffentlicht. Das nehme ich zum Anlass, um meinen Kommentar zeitnah zu aktualisieren. Man darf gespannt sein...

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