Seiten-Blicke: Mer ham aah Neinerlaa gekocht…

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Geschmackvoll: Vergass dei Haamit net

Meine Heimat ist seit über 20 Jahren Mecklenburg. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Hier fühle ich mich wohl, hier arbeite ich und lebe in einem geborgenen familiären Umfeld. Aber besonders in der Weihnachtszeit, das gebe ich gern zu, erinnere ich mich meiner erzgebirgischen Herkunft. Immerhin sind damit auch bleibende kulinarische Erinnerungen verbunden. So ging meine Familie vor Weihnachten geschlossen zum Stollenbacken und zogen gar verführerische Düfte durch die  Wohnungen. Besonders meine Tante Emma Koch, die mich im zarten Kindesalter im Tragkorb durch die Stadt buckelte, hat meinen Geschmackssinn sehr geprägt und war, Nomen est omen, eine fabelhafte Köchin für erzgebirgische Küche. Davon zehre ich noch heute und es macht mir Spaß, grüne Klöße,  Sauerbraten oder Gerichte wie Kartoffelpuffer (mit Kümmel, versteht sich) zuzubereiten. Und an Weihnachten haben wir auch oft das Lied vom "Neinerlaa" gesungen. Mein Rat: Erinnern auch Sie sich oft an Ihre Kindheit und Jugend, geben Sie Erfahrungen an Ihre Kinder weiter. Das ist auch in kulinarischer Hinsicht ein Teil gelebter Geschichte und ihrer Bewahrung.

Aue im Erzgebirge. Der letzte Blick über den kulinarischen Tellerrand im Rahmen dieser Seite führt Sie ins ebenso malerische wie beschauliche Erzgebirge nach Aue, der heimlichen Hauptstadt der Region und Heimat des legendären FC Erzgebirge Aue. Das wohl beste Haus am Platze ist der "Blaue Engel", ein repräsentatives Hotel mitten in der Stadt, in dem mit Benjamin Unger einer der besten Köche des Freistaats Sachsen das gastgeberische und kulinarische Zepter schwingt.

Da das Erzgebirge gerade zur Weihnachtszeit eine Art Wallfahrtsregion ist, liegt es nahe, dass ich mich mit ihm über kulinarische Traditionen unterhalte, die ich seit meiner Kindheit kenne und schätze. Das wohl bekannteste Weihnachtsessen der Erzgebirger ist das sogenannte "Neunerlei", in der Mundart "Neinerlaa" ausgesprochen. Küchenchef Benjamin Unger: "Das Jahr über aßen die Gebirgs¬bewohner relativ sparsam. Aber zu den drei heiligen Abenden, Weihnachten, Silvester und Hohneujahr, das ist der Samstag vor dem Dreikönigsfest, wurde richtig aufgetafelt. Neunerlei Speisen sollten es sein. In der Neun lässt sich die Glückzahl drei dreimal unterbringen und wer Neunerlei isst, hat dreimal Glück zu erwarten." Die Zusammenstellung des Festtagsessens, erklärt Benjamin Unger weiter, ist von Ort zu Ort, ja selbst von Familie zu Familie verschieden. Der Tradition verpflichtet, wird auch im "Blauen Engel" das Neunerlei vom Sonnabend vor dem 1. Advent bis Hohneujahr serviert, denn damit beginnt und endet im Erzgebirge die Weihnachtszeit. 

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Das Neunerlei des Hause besteht aus folgenden Gängen: Erzgebirgischer Schiebböcker (eine spezielle Käsezubereitung) auf Gänsefettbrot, Sauerkraut- und Zwiebelsalat, Nudeltopf mit Gänseklein, Hirsebrei, Saure Linsen, Rote Beete und Ölhering, grüne Fratzen (Kartoffelpuffer) mit Schwammebrüh´ (Pilzsoße), Gänsebraten in Beifußrahm mit grünem Kloß, Sauerkraut und Rotkohl, Sellerie- und Kirschkompott sowie Eisstollen und ein "Tippl Bunnekaffee" (Tasse Bohnenkaffee). Das klingt nach Völlerei, wird aber gar nicht so reichlich gegessen wie der erste Anschein vermittelt. Aber "heiß" müssen die warmen Gerichte schon sein. Nichts ist kulinarisch schlimmer als lauwarmes Fleisch und Klöße.

Natürlich hat das mit dem Neunerlei auch seine historische Bewandtnis: Man soll, sagt die Überlieferung unter anderem, von jeder Speise wenigstens einmal gekostet haben, das fördert die Gesundheit und Wachstum. Wer beim Essen etwas herunterfallen lässt, muss stehend weiter essen. Wird alles aufgegessen, verheißt das schönes Wetter für das kommende Jahr. Klöße bedeuten Taler,  Linsen Groschen, Hirse Kleingeld. Wer Sauerkraut isst, dem wächst langes Stroh auf dem Acker. Rote Rüben machen rote Wangen. Sellerie fördert (angeblich) die Liebe. Man isst nur einen Bissen vom Brot und Salz, damit es nie ausgeht. Wer Schweinefleisch isst, hat Schwein, also Glück zu erwarten, wer Geflügel isst, lernt fliegen und kommt gewiss in den Himmel. Preiselbeeren schützen vor Fieber, Kirschen machen große blanke Augen. Und unter jedem Teller ist ein Pfennigstück verborgen. Nur dem bringt es Glück, der es findet, nachdem er aufgegessen hat.

Natürlich hat der "Blaue Engel" weit mehr als "Neinerlaa" zu bieten. Das Restaurant "St. Andreas" ist ein bekanntes, von den wichtigsten Restaurantführern empfohlenes und ausgezeichnetes Gourmetrestaurant in der Region, und in der "Tausendgüldenstube" werden traditionelle sächsische Küche und regionale Spezialitäten auf hohem Niveau angeboten. Zum Haus gehört auch "Lotters Wirtschaft", in der man nicht nur selbst gebrautes Bier genießen, sondern auf herzhaft-deftig tafeln kann.

Von Aue aus kann man darüber hinaus abwechslungsreiche Ausflüge in die Erzgebirgsregion starten. Empfehlenswert sind Städte wie Schneeberg, Annaberg-Buchholz, Sehenswürdigkeiten wie der Frohnauer Hammer, zahlreiche Handwerksstuben oder markante Naturdenkmale wie die Greifensteine und die Orgelpfeifen. Wem das nicht langt, der sollte auch mal die Gänsehaut erzeugende Atmosphäre beim Heimspiel des FC Erzgebirge Aue auf sich wirken lassen.

Diese Kolumne und dieser Beitrag erschienen im Rahmen der Seite
"Kochen & genießen" in der Schweriner Volkszeitung vom 2. Dezember 2014.

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