25 Jahre MV – 25 Köpfe: Plädoyer für Gemeinschaftssinn – Dr. Uwe Wieben

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Der erste Boizenburger Bürgermeister nach der Wende ist gegen politische Grabenkämpfe

BOIZENBURG   Dr. Uwe Wieben ist ein Mann mit leicht gewelltem braunen  Haar, dem man seine 68 Lenze nicht ansieht. Wenn er durch seine Heimatstadt Boizenburg an der Elbe schreitet, wird er nahezu von jedermann freundlich gegrüßt und nicht selten in ein Gespräch verwickelt. "Man kennt mich eben und weiß, dass ich der Stadt sehr verbunden bin. Meine Frau Karin und auch meine drei Kinder scherzen manchmal schon damit, dass ich der Boizenburger Grüß-Onkel vom Dienst bin", schmunzelt der in Beckenborf wohnende Wieben mit verschmitzter Miene.


Seinen Bekanntheitsgrad verdankt der promovierte Historiker nicht nur seiner langjährigen Tätigkeit als Direktor des Heimatmuseums der Elbestadt, sondern auch seinem Amt als erster Bürgermeister nach der politischen Wende in der DDR. Wieben: "Zu diesem Amt bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Auf einen parteienübergreifenden Vorschlag wurde ich im Januar 1990 als Bürgermeister von Boizenburg gewählt und konnte auch nach den Kommunalwahlen im Mai des gleichen Jahres das Amt weiter ausüben."

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Dass er sich für die Kandidatur zum Bürgermeister bereiterklärt hatte, war für ihn eine Frage des Willens zur Veränderung in der Gesellschaft. Er hätte übrigens den seinerzeit kursierenden Slogan "40 Jahre DDR - keinen Tag länger" in dieser Form nicht unterschrieben. "Ich dachte an die Reformfähigkeit der DDR und einen ernsthafteren, menschlichen Umgang in der Gesellschaft." Dass das im Zuge der Entwicklung keine ernsthafte Option war, wurde ihm erst nach und nach klar. Den Versuch jedenfalls, so Dr. Uwe Wieben, hätte er mitgetragen.


Mit einem weitschweifenden Blick über den Boizenburger Hafen gibt er unumwunden zu: "Die Öffnung der Grenzen aber war und bleibt für mich das Erlebnis meines Lebens. Sowohl in positiver als auch in kritischer Hinsicht. Ich hatte auch ein wenig Angst vor dieser rasanten Entwicklung und war sehr froh, dass sie nicht mit der Anwendung staatlicher Gewalt verbunden war."


1994 wurde Wieben im sogenannten Superwahljahr in seinem Amt bestätigt bzw. wiedergewählt. Dass er das als FDP-Mitglied vor allem dem Votum der damaligen PDS-Fraktion in der Stadtvertretung zu verdanken hatte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Denn die heutigen Linken hatten sich eindeutig gegen den SPD-Kandidaten Klaus-Dieter Möller ausgesprochen, dem sie eine eher parteipolitische Amtsausübung zutrauten. Heute, so Wieben, ist er parteiloser Bürger. Die FDP konnte ihm letztlich, trotz Wertschätzung grundsätzlicher liberaler Ziele, nie die gewünschte politische Heimat bieten.


Zu den prägenden Fakten der kommunalpolitischen Entwicklung seiner Amtszeit zählt Wieben vor allem die Umgehungsstraße, die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie sowie die beispielhafte Altstadtsanierung im Rahmen der Städtebauförderung. Kritisch sah und sieht er aber auch heute noch die mangelnde Lebendigkeit in der Altstadt, den Rückgang von Gastronomie und die steigende Überalterung. "Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang mehr gemeinschaftliches Handeln abseits parteipolitisch geprägter Taktik und Grabenkämpfen", so sein Appell.


Zu den markanten Ereignissen seines Wirkens als Bürgermeister zählte für Wieben auch die Teilnahme am Hungerstreik 1995 für den Erhalt des Krankenhausstandortes Boizenburg. Heute wäre das für ihn  allerdings keine praktikable Form des Protestes, schätzt er ein. Dazu hätten sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu signifikant verändert.


Schmerzlich für ihn war letztlich das Ende des Bürgermeisteramts, dass er wegen angeblicher Stasi-Verstrickung aufgeben musste. Wieben: "Ich habe lange Zeit benötigt, das zu verkraften und stehe auch heute noch dazu, mich im Sinne der 'Anklage' nicht schuldig zu fühlen. Auch diese Aktion war mehr von den bereits genannten politischen Grabenkämpfen, denn von Sachlichkeit und Realitätssinn geprägt. Was mich versöhnt, ist das unbeschadet gebliebene Ansehen bei den Boizenburger Bürgern."


Da er eigenem Bekunden zufolge nie etwas anderes konnte "als Regionalgeschichte zu machen", wurde das fortan sein Arbeitsmittelpunkt und Hobby zugleich, dem er auch heute noch frönt. Er hat mittlerweile 120 Bücher bzw. Beiträge in Zeitschriften zur regionalen Geschichte veröffentlicht. Das sei neben seiner Familie sein Lebenselixier, verrät er zum Abschied lachend.

Dieser Beitrag erschien am 19. Mai 2015 in der Schweriner Volkszeitung.

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