25 Jahre MV – 25 Köpfe: Spaziergang in der Hölle – Johann Scheringer

04-johann-scheringer

Johann Scheringer wandelt auch heute noch auf roten Socken durch die Natur

CAMITZ   Abseits der Landstraße gibt es unweit von Marlow tatsächlich eine Hölle. Für Johann Scheringer ist sie Wirkungsstätte und privates Refugium zugleich. Grund genug für den heute fast 79-Jährigen ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der PDS (heute: Die Linke) und 2. Vizepräsidenten des Schweriner Landtages, seinen Gesprächspartner in die Natur einzuladen. "Hier redet es sich freier und die gute Luft tut ihr Übriges für eine gute Atmosphäre", meint der in Bayern geborene und seit 1961 in der DDR lebende studierte Landwirt vielsagend und schmunzelnd.


War sein berufliches Wirken bis 1990 vor allem durch verantwortliche Tätigkeiten als LPG-Vorsitzender geprägt, verschlug es ihn 1989/90 in die "große" Politik. Er kandidierte für die letzte Volkskammer der DDR und zog für seine Partei in das Parlament ein. Scheringer schaut sinnend in die Weite der Natur und sagt nachdenklich: "Leider haben sich zu Wendezeiten viele gute Leute dem öffentlichen Druck gebeugt und sind einfach verschwunden. Ich wollte deshalb versuchen, etwas aus den Gegebenheiten zu machen. Die Zeit in der Volkskammer war sehr kurz und genau genommen nutzlos. Aber sie war in vieler Hinsicht sehr ergiebig für mich und mein späteres politisches Wirken."

041-johann-scheringer

Nach Bonn allerdings zog es ihn nach dem 3. Oktober 1990 nicht. Seine Intention war es vielmehr, sich auf Länderebene politisch und pragmatisch einzubringen. Scheringer pfeift nach seinen beiden Pferden, die auch prompt reagieren und angetrabt kommen, und erklärt: "Man hätte die Länder früher gründen sollen. Dann wäre das historische Verständnis anders gewesen und die Länder, nicht die DDR, wären der BRD beigetreten." Er habe die euphorische Erwartungshaltung nie richtig verstanden, gesteht er. Immerhin, es habe genügend Leute gegeben, die Alternativen aufgezeigt und vor den Risiken und Nebenwirkungen gewarnt haben, die später eingetreten sind.


Nochmal zurück zur Hölle: Der seinerzeit gelegentlich auch als politischer Grantler bezeichnete Scheringer weiß übrigens gar trefflich, facettenreich die Herkunft des Namens seines Anwesens zu beschreiben. Da reichen sich Dichtung und Wahrheit natürlich die Hand. Es bleibt aber immer ein Hauch erfrischender Optimismus an dem Mann hängen, der seit der bekannten Rote-Socken-Kampagne eines bundesbekannten Pastors in eben solcher wärmenden Fußbekleidung herumläuft.


Mit dem Bezug zur Hölle ergänzt er in diesem Zusammenhang: "Die meisten Mitglieder unserer Partei haben unter dem Vorwurf von Unrechtsstaat und 40 Jahre Misswirtschaft gelitten. Diese klischeehaften und oft undifferenzierten Vorhaltungen mündeten oft in einem politischen Spießrutenlauf, der einem Ritt in die Hölle vergleichbar ist." Insgesamt aber sieht er den Prozess der Selbstfindung seiner Partei im neuen politischen System als gelungen an. Über Mehrheitsentscheidungen und praktizierte Basisdemokratie habe man sich einen festen Platz im Parteiensystem erarbeitet. Dass dabei gelegentlich auch Irrungen und Wirrungen auftreten, liege für ihn in der Natur der Sache.


Positiv sind für ihn heute vor allem die Weltoffenheit und die sich entwickelnde Infrastruktur in Stadt und Land. Was ihn dagegen bedrücke, ist die aktuelle Lage der Landwirte, die immer mehr in den Verruf der Unredlichkeit kommen. Scheringer streicht seinem Pferd liebevoll über die Nüstern und meint: "Es wollen sich gerade in dieser Beziehung zu viele einmischen, die keine oder wenig Ahnung von Landwirtschaft haben." Er selbst, resümiert er, sei aus seinem aktiven politischen Leben unbeschädigt ausgestiegen und sehe es auch nicht als Makel an, dass er danach nicht den Sprung an die Spitze des Landesbauernverbandes geschafft habe.


Heute engagiert sich Scheringer noch in sieben Ehrenämtern, betreibt eine Landwirtschaft im Nebenerwerb, hat zehn Hektar Wald zu pflegen, und betreut eine Feldjagd von etwa 1900 Hektar. Er ist aber kein Jäger, sondern verpachtet an ortsansässige, auch sozial nicht so bemittelte Jäger und achtet darauf, dass vom Erlös auch Vereine und Verbände in seinem Umfeld partizipieren. Die Hölle aber, versichert er, bleibt sein Rückzugsort. Scheringer breitet die Arme auseinander und meint nahezu euphorisch: "Schau dich um, hier bleibt man(n) Mensch."

Dieser Beitrag erschien am 28. April 2015 in der Schweriner Volkszeitung.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier finden Sie ein paar Vorschläge zum Weiterlesen.

x

Diese Website speichert Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus.