25 Jahre MV – 25 Köpfe: Gesellschaftlicher Versöhner- Georg Diederich

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Georg Diederich kann nicht verstehen, wenn die DDR heute noch verklärt wird

PINNOW    Drei Jahre  nach einem "illegalen" Journalistik-Studium bei der Kirche überlegte der studierte Chemiker Georg Diederich, wie er mit Gleichgesinnten die sich im Herbst 1989 anbahnenden Veränderungen in der DDR unterstützen konnte. Die Distanz zur Ost-CDU war ihm zu groß, so dass er sich schließlich entschloss, in der Bürgerbewegung „Wir sind das Volk“ mit dem Neuen Forum in die gesellschaftliche Offensive zu gehen.

Diederich: "Mit dem rasanten Fall der Mauer und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen habe ich zunächst nicht gerechnet. Im Rahmen dieser Entwicklung wurde mir aber schnell klar, dass der einzig gangbare Weg in die deutsche Einheit führen müsse. Das habe ich auch bereits am 4. Dezember 1989  in einer Rede auf einer Schweriner Demo deutlich zum Ausdruck gebracht."

Obwohl in der DDR aufgewachsen, habe er dieses Land nie als seine Heimat empfunden, weil es aus seiner Sicht auf  Lügen aufgebaut war. Trotzdem kann er, so Diederich, Menschen verstehen, die andere Erfahrungen gemacht haben. " Man kann  in diesem Zusammenhang die Biografien der Menschen nicht genug achten", so sein nachdenklicher Kommentar. Die DDR aber heute noch zu verklären, könne er nicht nachvollziehen.

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1990 wurde Diederich in das Amt der Regierungsbevollmächtigten für den Bezirk Schwerin eingesetzt. Diese Berufung kam für ihn überraschend, denn er hatte eigentlich andere Intentionen wollte nach seiner Promotion  zusammen mit anderen Kollegen ein eigenes Labor eröffnen. Trotzdem hat er zugesagt und sich neben dem Aufbau einer neuen Verwaltung vor allem der Frage der Landeshauptstadt gewidmet. Dafür war nahezu parteienübergreifend Rostock favorisiert. Im Sinne eines gedeihlichen Aufbaus des Landes kam Georg Diederich aber schließlich zu der Erkenntnis, dass mit Schwerin eine bessere  und gleichmäßigere Landesentwicklung gegeben sei. "Schwerin wurde dann zu meiner Leidenschaft und dank großer Überzeugungsarbeit auch Landeshauptstadt", lächelt der heute 65-jährige Diederich.


Mit der Gründung des Landes MV wurde er wieder "eher zufällig" für das Amt des Innenministers vorgeschlagen. Nachdem in interner CDU-Runde kein Kandidat gefunden wurde, entschied der damalige Landesvorsitzende Günther Krause "Übernimm du das Innenressort." Er hat's übernommen und  wurde Minister im Kabinett Gomolka, dem er bis zu dessen erzwungenen Rücktritt Mitte März 1992 und übergangsweise bis Ende März 1992 auch dem Kabinett Seite angehörte. Das hätte er gern weitergemacht. Es kam anders, wie man weiß. Der neue Ministerpräsident holte sich einen anderen  ins Kabinett. Diederich aber blieb bis 1994 im Landtag.  Schmerzlich war für später ihn die Erfahrung, aus der CDU-Fraktion ausgeschlossen zu werden, weil er nicht bereit war, sich dafür zu entschuldigen, dass er auch vom Ministerpräsidenten Aufklärung zu dessen Vergangenheit gefordert hatte. Er hat aber im Landtag trotzdem für die CDU gearbeitet, der er weiterhin angehört und für die er auch zwanzig Jahre lang Mitglied im NDR-Rundfunkrat war.


Nach seinem Ausscheiden aus dem Landtag folgten 13 Monaten Arbeitslosigkeit. 1996 begann für Diederich eine Tätigkeit im Heinrich-Theissing-Institut  Schwerin, später auch im Thomas Morus Bildungswerk. Als Direktor des Instituts, das sich unter anderem der Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Kirche Mecklenburgs in der Zeit der Diktaturen widmet, publizierte er auch einiges zum ThemaStasi. Diederich: "Es ging mir in diesem Zusammenhang nie um Sensationshascherei, sondern um Aufklärung, um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen." Gesellschaftliche Versöhnung, ist Georg Diederich überzeugt, kann man nur erreichen, wenn die Täter Schuld eingestehen und die Opfer verzeihen, so dass man sich schließlich die Hand reichen kann. Nach dem wichtigsten Gebot der Zeit gefragt, antwortet der verheiratete Vater dreier Söhne ganz spontan: "Da halte ich es ganz mit Papst Franziskus. Wir müssen bereit sein, zu teilen und von unserem Wohlstand abzugeben."


Jetzt genießt Diederich den Ruhestand, arbeitet auch noch ehrenamtlich im Theissing-Institut, spielt gern Klavier und Orgel, hält Vorträge. Und er schreibt nach wie vor Bücher. Bis 2016 soll der dritte Band zur Chronik der Katholischen Kirche in Mecklenburg fertig sein. Ganz wichtig ist ihm auch die Zeit mit der Familie und den fünf Enkelkindern. Er genießt es außerdem, so Diederich, mit seiner Frau  mehr verreisen zu können und ausgiebig zu entspannen.

Dieser Beitrag erschien am 1. September 2015 in der Schweriner Volkszeitung.

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