25 Jahre MV – 25 Köpfe: Die rote Eminenz – Gabi Mestan

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Gabi Mestan freut sich über ersten Bürgermeister der Linken in Hagenow

CESKE BUDEJOVICE   Als im Oktober 1989 die Jubelfeiern aus Anlass des 40. Jahrestages der DDR weitestgehend verklungen waren, hatte Gabi Mestan beruflich schon das erreicht, was man eine Bilderbuch-Karriere Made in GDR nennen kann. Nach einer Lehre als Industriekauffrau und einem Studium zur Diplomhistorikerin war die gebürtige Eisenacherin in Suhl als Lehrerin für Geschichte und Russisch tätig, arbeitete hauptamtlich bei der FDJ in Suhl, bevor sie noch unter ihrem früheren Familiennamen Schulz an die SED-Kreisleitung nach Hagenow delegiert und nach einem Jahr nochmaliger politischer Schnellbesohlung als  2.Sekretär eingesetzt wurde. Man erinnere sich, die 2. waren in einer Kreisleitung meist die sogenannten grauen Eminenzen hinter dem allgewaltigen 1. Kreissekretär.

"In dieser Funktion war ich im Frühjahr 1989 unter anderem für die letzten DDR-Kommunalwahlen und deren personalpolitische Zusammensetzung verantwortlich. Das hat mich oftmals um den Schlaf gebracht, da es mir oft unmöglich schien, den Strukturanforderungen der Partei zu entsprechen und geeignete Kader für die Gremien zu finden sowie neue Mitglieder aufzunehmen", blickt die heute 63-Jährige zurück.

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Sie schränkt allerdings ein, in dieser Situation trotzdem "funktioniert" und das staatstragende Parteiensystem kaum in Zweifel gestellt zu haben. Mestan: "Im Detail habe ich aber schon nach anderen Haltungsmustern in der SED gesucht und an der Parteihochschule hinter verschlossenen Türen über einen anderen Führungs- und Arbeitsstil in der SED diskutiert und gestritten sowie die Rolle einer alten Politbüro-Männerriege hinterfragt."


Aber  das waren nur leise Töne und der Traum von einer besseren DDR, gibt sie selbstkritisch zu. Sie habe weniger Zweifel am Gesamtsystem gehabt, als vielmehr Probleme mit handelnden Personen im Kreis und im früheren Bezirk Schwerin gesehen. Machtarroganz und Einschüchterungen waren ihr stets suspekt. Trotzdem habe sie in dieser Zeit als Teil des Machtapparates der SED funktioniert und oft auch blind vertraut. "Das sich manches ändern musste, war mir klar, aber das WIE war nur der vage Traum einem reformierten Sozialismus in der DDR." Ihr war aber klar, dass es so nicht weiter gehen konnte. Trotzdem habe sie das politische Tempo des Herbstes überrascht und sehr betroffen gemacht.


Das neue politische System hat Gabi Mestan von der Pike auf kennengelernt. Nach der Abwicklung der Kreisleitung war sie arbeitslos, jobbte als Finanzkauffrau, absolvierte zahlreiche Weiterbildungen und stieg erst 1995 als Fachberaterin im "Kommunalpolitischen Forum MV" wieder ins richtige Arbeitsleben ein. Man muss wohl ziemlich beratungsresistent und dickfellig, oder von der Richtigkeit seiner inneren Einstellung beseelt sein, wenn man auch dann nicht die politischen Fronten wechselt. Mestan: "Für mich gab es keine Alternative, als in meiner Partei für Veränderungen zu sorgen, um so ein Stück Schuld abzutragen und meine Fahne nicht in den Wind zu hängen."



1998 wurde sir mit PDS-Mandat Mitglied des Landtages MV und übte dort acht Jahre das Amt der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Fraktion, also eine Art "Rote Eminenz", aus und war auch in der Stadt und im Kreis in politischen Ämtern tätig. Dass sie später vom Amt der Vizepräsidentin des Landtages wegen Stasikontakten aus ihrer Kreisleitungszeit zurücktrat, erklärt Mestan, die seit 2005 mit einem tschechischen Kommunisten verheiratet ist, so: " Ich kam mit dem medialen Druck auf meine frühere Familie nicht klar und wollte meine Fraktion nicht belasten." Es ging wohl seinerzeit um einen Reisebericht von einer Jugendtouristreise 1987 nach Hamburg, den sie über die aggressive Haltung eines Amtsleiters in der Hamburger Bürgerschaft zur DDR geschrieben hatte.


Nachdem sie 2011 als ausgewiesene kommunalpolitische Expertin aus dem Schweriner Landtag ausschied, wurde Ceske Budejovice ihr neues Zuhause, wo sie fortan nach zehn Jahren Fernbeziehung mit ihrem Mann Zdenek zusammenlebt und den Ruhestand genießt. Der Kontakt nach Deutschland aber ist ungebrochen. Schließlich leben hier ein Teil ihrer Kinder und Enkel und viele politische und private Freunde.


Nur über Karen Stramm, ihre Nachfolgerin im Landtag, verliert die sonst nie um eine Antwort verlegene Mestan kein Wort. Dazu muss man wissen, dass Stramm inzwischen auch unter eingefleischten Linken-Anhängern als eine konzeptionell und argumentativ eher (diplomatisch ausgedrückt) schwache und selbstgefällige Politikerin handelt, die auf allen Hochzeiten tanzt und sich für unersetzlich hält. Mestan war, urteilen viele Hagenower, von einem ganz anderen Format. Die aber freut es, dass im November mit Thomas Möller erstmals ein Linker als Bürgermeister in Hagenow agiert. Dafür hat sie in ihrer Zeit in der Kleinstadt stets gekämpft und gearbeitet.


Jetzt aber genieße sie in Budweis mit ihrem Zdenek vor allem den Garten, lernt fleißig tschechisch und ist inzwischen eine "ausgemachte Marmeladenspezialistin", wie sie lachend verrät.

Dieser Beitrag erschien am 11. August 2015 in der Schweriner Volkszeitung.

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