25 Jahre MV – 25 Köpfe: Wahlhelfer wider Willen – Christine Lucyga

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Christine Lucyga fühlte sich nach 15 Jahren als SPD-MdB nicht mehr wohl in ihrer Haut

ROSTOCK   Wenn Christine Lucyga über den Wendeherbst spricht, glänzen ihre Augen und sie gerät in Schwärmen. "Das war eine unglaubliche Aufbruchstimmung, ein bis dahin noch nicht gekanntes Gefühl der politischen Begeisterung, verbunden mit dem Wunsch, künftig mitzugestalten", erklärt die heute 71-jährige promovierte Sprach- und Literaturwissenschaftlerin. Trotz Lehrtätigkeit an der Hochschule für Seefahrt in Warnemünde und an der Universität Rostock gehörte sie bisher weder der SED, noch einer der DDR-Blockparteien an, die ihr alle zu angepasst waren. Aber politisch interessiert war sie schon immer, sagt sie. Und Leute wie Willy Brandt waren für sie Ende 1989 der Wegweiser in die SPD.


Nach ihren Intentionen hinsichtlich der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR befragt, erklärt Christine Lucyga: "Wir wollten uns in jeder Hinsicht befreien. Ich hätte nie geglaubt, dass das so schnell gehen würde und hätte es gern etwas behutsamer gehabt. Dazu gehört für mich auch, Bewahrenswertes aus der DDR zu übernehmen. Aber man hatte plötzlich auf nichts mehr direkten Einfluss."

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Als Mitglied der letzten Volkskammer der DDR sieht sie im Gegensatz zu ihrem späteren Wirken als Bundestagsmitglied auch grundsätzliche "atmosphärische" Unterschiede. Die letzte Volkskammer war bei allen unterschiedlichen politischen Auffassungen noch von Gemeinschaftsgefühl getragen. Da wurde auch für den politischen Mitbewerber geklatscht, wenn der gute Vorschläge einbrachte. Im Bundestag dagegen herrsch eine demonstrative Trennung von Regierung und Opposition mit teilweise beängstigenden Umgangsformen. Im Übrigen bestand der Unterschied auch darin, dass sich die Volkskammer selbst abschaffen musste, im Bundestag aber stets auch schon an die nächste Wahl gedacht wird.


Sehr wichtig waren ihr ihrer 15-jährigen Tätigkeit als Bundestagsmitglied die Sorgen und Nöte der Menschen in ihrem Wahlkreis. Lucyga: "In Berlin wurde nur diskutiert. Vor Ort aber kann man handeln, gegen soziale Verwerfungen angehen und konkret helfen." So habe sie sich vor allem der Entwicklung von Bau und Verkehr, der Klärung von Rechtsfragen und für bessere Lösungen über die Treuhand eingesetzt. In Sachen Spitzensteuersatz war sie für eine Neudefinition der Steuerklassen.

2005 schließlich trat sie nicht mehr für den Bundestag an. Den Grund dafür erklärt Lucyga augenzwinkernd: "Man sollte aufhören, solange man noch resozialisierbar ist." Und fügt mit ernster Miene an: "Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut und wusste nicht mehr, was ich den Leuten im Wahlkampf sagen sollte, ohne mich zu verbiegen." Hinzu kam, so Christine Lucyga, die zunehmende Militarisierung der Außenpolitik und die unsägliche Vertrauensfrage von Gerhard Schröder in Sachen Afghanistan. "Das hat er sich aber kein zweites Mal getraut", resümiert sie.


Ihrem Nachfolger Christian Kleiminger stellt sie hinsichtlich der Ausübung seines Direktmandats kein allzu gutes Zeugnis aus. Von Arroganz und Selbstüberschätzung ist die Rede. Trotzdem hält sie sich in der Bewertung der Dinge sehr bedeckt. Merkt aber kritisch an, dass Kleiminger an seiner Abwahl 2009 weitgehend selbst schuld war. Denn der Linken-Kandidat Bockhahn war ein schwieriger Gegner, von dessen Wahlkampf man sogar noch hätte lernen können. Das hat sie auch einem Journalisten gesagt, der tags darauf sinngemäß titelte "Lucyga ist für Bockhahn". Nichts davon ist wahr, meint die so gescholtene. Man müsse im Übrigen auch sagen dürfen, dass ein starker Gegner ein starker Gegner ist. Immerhin aber war sie angesichts der Niederlage Kleimingers in Teilen ihrer Partei sozusagen die nestbeschmutzende "Schwarze Petra".


Heute engagiert sich Christine Lucyga vor allem in Sachen Kunst- und Kulturförderung, wünscht sich den  Erhalt des Volkstheaters als 4-Sparten-Haus und kann auch dem Lochotzke-Konzept von einem Theater auf der Warnow Interesse abringen. Ihr Credo: Kulturelle Bildung und Kulturpolitik müssen  einen höherer Stellenwert erhalten. Lucyga: "Es muss mehr Geld her, um den Intellekt zu schärfen." Und in der Freizeit genießt sie außer Kunst und Kultur ihren wunderschönen Garten, den sie aufwendig pflegt, aber leider nie fertig wird...

Dieser Beitrag erschien am 18. August 2015 in der Schweriner Volkszeitung.

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