Grenzschänke Friedersdorf: Immer der Spree entlang, und dann der Nase nach…

grenzschaenke11

Gasthaus "Grenzschänke"

Grenzschänkstraße 7 - 02742 Friedersdorf
www.gaststaette-grenzschaenke.de

Jedem Mal, wenn es mich nach Ostsachsen verschlägt, versuche ich, meine Route so einzurichten, dass ich an der "Grenzschänke" in Friedersdorf vorbeikomme. Das ist dort, wo die Oberlausitzer das "r" besonders gut rollen und die Spree sozusagen schon ein vereinigtes Flüsschen ist.  Dazu muss man aber wissen, dass der bekannte Fluss drei Quellen hat und sogar einige hundert Meter durch Tschechien fließt. Das weiß sicher nicht jeder. Ein Fluss wird sie Spree erst weiter unten, wie der Sachse sagen würde.


Glaubt man der Historie, bildete das Gasthaus bis 1934 tatsächlich die Grenze zwischen Ober- und Niederfriedersdorf. Der Wirt bediente im Oberdorf die Gäste, die Wirtin bereitete im Niederdorf die Speisen zu. Diese Episode erzählen die heutigen Wirtsleute, Heike und Frank Brendel, ihren Gästen sehr gern. Damit erschöpft sich das historische Repertoire der "Grenzschänke" aber noch längst nicht. Denn alles in dem fast 250 Jahre alten Umgebindehaus strahlt historische Originalität aus.

grenzschaenke06
slider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider imageslider image

Die zu erhalten haben die Brendels ein wahrhaft goldenes Händchen bewiesen. Die Wände zieren, sehenswert  ungeordnet angeordnet, viele historische Foto aus der wechselhaften Grenzschänkenzeit sowie eine große Anzahl passender Accessoires wie Bücher, humorige Sprüchen, Gemälde und neckisch bestickte Kissen.


Das schöne ist auch, dass ich eigentlich nie vor verschlossenen Türen stehe, wenn ich an der B96 mal kurz in Richtung Spree abbiege. Denn die "Grenzschänke" hat, wie Frank Brendel nicht müde wird, zu erzählen: "... Jeden Tag von 11 bis 14 Uhr, und dann wieder ab 17 Uhr, auf keinen Fall eher, manchmal später, aber meistens länger, vor allem samstags, da vielleicht bis 24 Uhr, montags gar nicht, dafür donnerstags später, und feiertags immer auf..."


Als ich das letzte Mal dort ankam, verzögerte sich das Öffnen der Kneipe um sagenhafte sieben Minuten. Aber ein Auto stand vor der Tür, unverkennbar, dass die Besitzer anwesend, aber mit Besserem beschäftigt waren. Dafür hat mich die Küchenchefin auch nach dieser langen Zeit sofort erkannt und einfach gewunken: "Reinkommen". Dafür hat der Chef mich ein anderes Mal nicht erkannt, oder sich nicht getraut, mich anzubaggern. Könnte ja der falsche Gast sein. Und das bei meinem Aussehen. Vielleicht wird der Herr mit der markanten Brille ja im Laufe der Jahre auch etwas vergesslich.

Auf jeden Fall hat es ihm im Laufe von sechs Jahren nicht die Sprache verschlagen. Er ist nach wie vor das amüsant-eloquente Original, der den Gästen die Lachtränen in die Augen treibt. Wer möchte, bekommt von ihm natürlich auch etwas Trinkbares eingeschenkt. Das Bier jedenfalls ist gut gezapft und die Weine und Spirituosen passen gar prächtig ins Kneipenmillieu. Und dass er auch etwas davon versteht, was er aus dem Niederdorf anschleppt, beweist allein die Tatsache, dass er auch mal dort tätig war. Und das genau so erfolgreich wie seine Nachfolgerin am Herd.


Die Grenzschänke hat räumlich übrigens mehr zu bieten, als man ihr äußerlich zugestehen würde. Die Blockstube, welch' schlimmes Wort für eine hammergeile Gaststube, bietet 30 Personen Platz. Das Kleine Gewölbe ist genau die richtige Kulisse für eine zünftige Männersause oder eine Feier im kleinen Rahmen. Hier kommen gut ein Dutzend Leute unter und sind außerdem wirklich unter sich. Nur der sogenannte Saal, ein Anbau aus dem Jahr 1920 fällt aus dem Rahmen und bietet sagenhaften 50 Personen Einkehr. Selbst einen kleinen Biergarten gibt's am lauschigen Ufer der Spree. Dort können  die 12 Männer aus dem Gewölbe dann auch ihren besseren Hälften empfangen und mit ihnen einen ausgelassenen Abend verbringen.


Auch zur Küche der "Grenzschänke" gibt's eine kleine Episode: Angeregt durch meinen Bildband "Kulinarische Entdeckungsreise durch Sachsen", in dem ich auf 272 Seiten das Land kulinarisch bereist habe, kam auch Sternekoch Johann Lafer mit seiner Sendereihe "So köstlich isst der Osten" in das kleine Dorf an der Spree. In die Küche von Heike Brendel gekommen, sah Lafer, staunte und lachte. Offensichtlich konnte er sich angesichts der kleinen Küche mit dem uralten Kohle-Herd nicht vorstellen, dass hier ernsthaft gekocht wird. Das stellte sich schnell als erfreulicher Irrtum heraus. Der Spitzenkoch lobte die hausgemachte, bodenständige Küche, wie sie Heike Brendel selbst definiert, über alle Maßen und adelte damit Küche und Chefin gleichermaßen.


Ich habe es genossen, nach einige Jahren diese Küche wieder einmal zu erleben. Heike Brendel schwört auf frische, hochwertige Zutaten. Sie experimentiert gern mit Gewürzen wie Kardamon, Anis und Fenchel, um alle Geschmacksnerven anzusprechen. Und sie scheut sich auch nicht, richtig deftig zu kochen. Ihre Knoblauchsuppe ist ein Gaumenschmaus, den man drei Meilen gegen den Wind riecht. Ihre Wildsülze ist jede Sünde wert, und der Grenzschänkenspieß ist längst weit spreeabwärts bekannt und beliebt. Im sprichwörtliche Sinne Schützenhilfe erhält sie dafür durch ihren Mann Frank, der als passionierter Jäger Wild selbst erlegt, fachgerecht zerlegt und weiterverarbeitet.


Was ich an den Gastgebern auch so sympathisch finde: Die trauen sich sogar, ihre Speisenkarte in Oberlausitzer Mundart zu präsentieren. Schade, dass sie es nicht durchhalten, auf eine Übersetzung ins Hochdeutsche zu verzichten. Da wären humorige Irrtümer aller Art drin und der Spaß groß, wenn  Wirt Frank Brendel erst einmal aufklären würde. Denn seine Gäste ans kulinarische Messer zu liefern, das traue dem Mann nicht zu. Der hat Humor und sprachlichen Witz: "Doa schlägts di nieda", würde der Bayer sagen. Zum Glück kann ich als gebürtiger Erzgebirger und mit einem Faible für Mundarten vieles ja deuten.

Beispiele gefällig: "Koarlsboader Schniete" kann sich der sprachliche begabte Durchschnitts-Gast ja vielleicht gerade noch so ableiten. Und alle gelernten DDR-Bürger wissen selbstverständlich auch, dass LPG die gängige Abkürzung für deftiges "Bauernfrühstück" ist. Wenn man dann aber liest, dass "Brotabern und Wildgoalerte" im Angebot sind, dann verwette ich meinen *** (Zutreffendes einsetzen), dass der Gast spätestens dann ins Schleudern kommt. Ist aber ganz leicht, weil Bratkartoffeln mit hausgemachten Wildschweinsülze. Die ist ein Gedicht, versprochen...


Abgesehen von den sprachlichen Schmankerln lässt sich Heike Brendel für so einen "Laden" kulinarisch ziemlich viel einfallen. Ihr Lachsfilet mit Safranrisotto ist eine zarte Versuchung. Und ich schwöre, bei meinem nächsten Besuch endlich auch einmal ihre geschmorten Ochsenbäckchen im Nudelnest zu probieren. Die Gäste nebenan haben so wohlig zufrieden gegessen. Da will ich endlich auch meine Gelüsten frönen. Denn so ein Bäckchen ist, gut gemacht, schon eine Delikatesse.


A propos Delikatesse: Haben Sie schon mal Schmeckappl mit Abern gegessen? Das ist ein Traumessen meiner Jugendzeit, obwohl vielfach verpönt: Rinderzunge mit Petersilienkartoffeln und Buttererbsen. Keine Angst, die Erbsen geben kein Tönchen, dafür lechzt die Zunge nach der Zunge. ich schwelge in Erinnerungen... Ich habe mich diesmal trotz des verlockenden Angebots an Fleisch- und Fischgerichten sowie deftigen Brotzeiten mir frisch gebackenem Brot für die Heike-Brendel-Gedächtnis-Knobisuppe und Pellkartoffeln mit Leinöl entschieden. Geile kulinarische Nummer, kann ich versichern. Meine Frau braucht mich nicht zu fragen, wo ich eingekehrt bin. Zum Glück dauert die Heimfahrt fast fünf Stunden. Hat aber auch nicht viel genützt...

Zur kulinarischen Gaudi werden hier auch die von den Wirtsleuten angebotenen Essen vom heißen Stein, die Fondue-Abende, oder das rustikale Essen aus dem Trog. Hier wird Luther nicht nur kulinarisch authentisch lebendig.


Und was habe ich nun zu meckern? Die Suppe stinkt, kein Schwein kann die Karte lesen. Die Köchin hantiert mit uralten Gerätschaften und nennt sogar noch eine nostalgischen DDR-Toaster ihr eigen. Mehr noch, die ist stolz darauf. Und der Wirt labert die Gäste zu, dass ihnen die Lust auf Essen und Trinken vergeht. NEIN, liebe Brendels, genau das macht Ihren "Laden" so unverwechselbar und liebenswert. Kurzum: Ein Besuch in der Oberlausitz ohne Einkehr in der Grenzschänke, ist für mich nicht denkbar. Hier hat Essen wirklich etwas mit Erleben und Genießen zu tun. Zeit für innere Entschleunigung sollte man sich also nehmen. Hier ist sie nicht vergeudet.


Und wer Glück hat, kommt vielleicht sogar in den Genuss einer der von Frank Brendel organisierten und als musikalischer Geheimtipp gehandelten Bluesveranstaltungen in der urigen Kneipe an der Spree, auf der man hier sogar schon Kahn fahren kann.


Ich muss aber trotzdem eine Kritik ansetzen: Bitte zeigen Sie doch auf Ihrer Website, was Sie an kulinarischen Angeboten sozusagen "auf der Pfanne haben", damit Klugscheißer wie ich das nicht kritisieren. Denn gerade das macht, neben anderen Facetten, den "megageilen, obercoolen", wie der großmäulige Bohlen sagen würde, Reiz Ihres Hauses aus. In diesem Sinne: "Hadschee", oder, wie der Nicht-Oberlausitzer sagen würde: "Auf Wiedersehen!"

  • 94%
    Max’ Geschmacks Quotient (MGQ)

Der MGQ ist der Quotient aus der Summe der Einzelbewertungen in Bezug auf 
Angebot / Geschmack / Präsentation / Preis-Leistung / Service / Ambiente / Konzept

Kategorie: Gasthäuser

  • Angebot 90%
  • Geschmack 95%
  • Präsentation 93%
  • Preis-Leistung 95%
  • Service 93%
  • Ambiente 97%
  • Konzept 95%

Das könnte Sie auch interessieren

Hier finden Sie ein paar Vorschläge zum Weiterlesen.

x

Diese Website speichert Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus.